Die Geschichten hinter den Bildern



Am Anfang dieser Arbeit stand die Faszination für die alten Sagen des klassischen Altertums, gesammelt und aufgeschrieben von Ovid. Generationen von Künstlern wurden von dieser römischen Version der Gebrüder Grimm inspiriert.


Daphnes Metamorphose


Die Geschichte von Apollo und Daphne nach Ovid

Die erste Liebe des Phoebus war Daphne, Die Tochter des Penëus; diese Leidenschaft gab ihn nicht der blinde Zufall ein, sondern der wilde Zorn des Liebesgottes. Der Gott von Delos, stolz auf seinen Sieg über die Schlange, hatte jüngst gesehen, wie Amor die Sehne anzog und die Hörner des Bogens spannte. Da hatte er gesagt: „Was willst du, loser Knabe, mit männlichen Waffen? Diese Zier steht meinen Schultern an; kann ich doch dem wilden Tier und auch dem Feind unfehlbar Wunden schlagen. Eben erst habe ich den aufgeblasenen Python, der mit seinem giftigen Bauche so viele Morgen weit das Land bedeckte, mit zahllosen Pfeilen niedergestreckt. Gibst du dich damit zufrieden, mit deiner Fackel irgendwelche Liebeshändel anzustiften, und Maße dir nicht meinen Ruhm an!“
Ihm antwortete der Sohn der Venus : „Mag dein Bogen alles treffen, oh Phoebus -  meiner trifft dich! Dein Ruhm ist um so viel geringer als der meine, wie alle Lebewesen einem Gotte nachstehen.“ Sprach's, schlug mit den Flügeln, flatterte durch die Luft, und flink stellte er sich auf den schattigen Gipfel des Parnass. Aus dem Köcher, der die Pfeile barg, nahm er zwei Geschosse von entgegengesetzter Wirkung: Das eine vertreibt, das andere erregt Liebe. Der Pfeil, der Liebe erregt, ist vergoldet und hat eine blinkende, scharfe Spitze; der sie vertreibt, ist stumpf und trägt Blei unter dem Schaft. Mit einem traf der Gott die Nymphe, die Penëustochter, mit dem anderen schoss er Apollo durch die Knochen bis ins Mark.
Sofort ist der eine verliebt, die andere flieht schon vor dem Wort „Geliebte“. Sie hat nur Freude an Schlupfwinkeln im Wald und an Fällen gefangener Tiere; so eifert sie der unverheirateten Phoebe nach. Eine Binde umschloss des ungeordnet herabwallende Haar. Viele warben um sie. Sie aber verschmäht alle Freier, hat keinen Mann und will von keinem wissen, sie streift durch unwegsames Gehölz und fragt nicht nach Hymen, Amor, und Ehe. Oft sagte Vater: „Tochter, du schuldest mir einen Schwiegersohn.“ Oft sprach er: „Mein Kind, du schuldest mir Enkel!“ Sie aber hasst die Hochzeitsfackeln wie ein Verbrechen; ihr schönes Gesicht war von schamhafter Röte übergossen, und indem sie mit schmeichelnden Armen am Halse ihres Vaters hing, sprach sie: „Lass mich, liebster Vater, ewig Jungfrau bleiben; dies hat auch Vater Iuppiter der Diana gewährt.“ Zwar erfüllt er die Bitte; aber dir verbiet deine Schönheit, das zu sein, was du sein möchtest, und deine Erscheinung widersetzt sich deinem Wunsch. Phoebus liebt! Kaum hat er sie gesehen, begehrt er Daphne zu heiraten; und was er begehrt, erhofft er: Da täuscht ihn sein eigenes Orakel! Wie leichte Stoppeln in Brand gesteckt werden, nachdem die Ehren abgeerntet sind, wie Zäune sich an Fackeln entzünden, die zufällig ein Wanderer zu nahe an sie heranbrachte oder im Morgengrauen zurückließ, so ist der Gott in Liebe entbrannt, so glüht sein ganzes Herz und hegt hoffnungsvoll eine furchtlose Liebe. Er sieht, wie das schmucklose Haar bis zum Hals herabhängt. „Ei“, sagt er, „wenn es erst noch frisiert würde!“ Er sieht die sternengleichen Augen Funken sprühen; er schaut das Mündchen an und will sich mit dem bloßen Anschauen nicht begnügen; er lobt die Finger, die Hände, die Arme und die Oberarme, die bis über die Mitte entblößt sind; und was verborgen ist, stellt er sich noch schöner vor. Sie aber flieht schneller als der leichte Lufthauch, ohne auf seine Worte hin stehen zu bleiben, mit denen er sie zurückruft: 


„Nymphe, Penëustochter, bitte, bleib stehen! Ich folge dir nicht als Feind. Nymphe, bleib stehen! So flieht das Lamm vor dem Wolf, die Hirschkuh vor dem Löwen, so fliehen vor dem Adler die Tauben mit ängstlich schlagenden Flügeln - ein jedes vor seinem Feind; Liebe ist der Grund, warum ich dich verfolge. Weh mir! Stürz nicht vornüber und lass die Dornen nicht deine Schenkel ritzen, die keine Verwundung verdienen. Ich will keinen Schmerz zufügen. Die Gegend, durch die du dahineilst, ist rau. Lauf, bitte, langsamer und zügle deine Flucht! Dann werde ich dich langsamer verfolgen. Frag wenigstens, wessen Wohlgefallen du erregst! Kein Bergbewohner, kein Hirte bin ich, kein struppiger Wächter von Zug- und Herdentieren. Du weißt nicht, Unbesonnene, du weißt nicht, vor wem du fliehst. Und nur darum fliehst du. Mir dient das delphische Land, Claros, Tenedos und die patareische Königsburg. Iuppiter ist mein Vater. Ich offenbare, was sein wird, was war und was ist; Ich lasse Gesang und Saitenspiel harmonisch zusammenstimmen. Mein Pfeil trifft zwar ins Ziel, doch gibt es einen Pfeil, der noch genauer ins Ziel geht; der hat meinem noch freien Herzen eine Wunde geschlagen! Die Heilkunst ist meine Erfindung, die Welt nennt mich den Heilbringer, und die Kraft der Kräuter steht mir zu Gebote. Weh mir, dass gegen die Liebe kein Kraut gewachsen ist und dass die Künste, die allen nützen, ihrem Herrn und Meister keinen Nutzen bringen!“ 

Er wollte noch mehr sagen, doch die Tochter des Penëus entfloh ihm in angstvollen Lauf, lies ihn hinter sich und mit ihm seine Rede, mit er noch nicht zu Ende war. Auch in diesem Augenblick sah sie reizend aus. Windstöße entblößten ihren Körper, der entgegenkommende Luftzug lies die Kleider, auf die er traf, flattern, ein leichtes Lüftchen ließ das Haar nach hinten wehen, und die Schönheit steigerte sich durch die Flucht. Doch der jugendliche Gott erträgt es nicht länger, Schmeichelworte zu verschwenden. Und wie Amor selbst es ihm eingab, folgt er mit beschleunigtem Schritt ihren Spuren. Wie wenn ein Jagdhund aus Gallien auf dem offenen Feld einen Hasen erspäht und der eine nach seiner Beute, der andere um sein Leben rennt - der eine sieht aus, als wolle er schon zubeißen, hofft noch von einem Augenblick zum anderen zuzupacken und streift mit vorgestreckter Schnauze die Fersen der Beute; der andere ist sich im Zweifel, ob er schon gefangen ist, entzieht sich gerade noch den zuschnappen Zähnen und lässt das Maul, das ihn schon berührt, hinter sich -: So erging es dem Gott und der Jungfrau; den einen beflügelt die Hoffnung, die andere die Furcht. Doch der Verfolger, dem Amor Schwung verleiht, ist schneller und gönnt ihr keine Rast. Die Fliehende spürt ihn schon unmittelbar im Rücken, und sein Hauch streift ihr Haar, das ihr in den Nacken fällt. Schließlich versagten ihr die Kräfte, sie erblasste von der Mühe der raschen Flucht erschöpft und blickte zu dem Wasser des Penëus. „Vater, komm mir zu Hilfe“, sprach sie, „sofern ihr Flüsse göttliche Macht besitzt! Zerstöre durch eine Verwandlung diese Gestalt, in der ich allzusehr gefiel!“ 

Kaum hat sie ihr Gebet beendet, da kommt über ihre Glieder eine lastende Starre. Um die zarte Brust legt sich dünner Bast. Das Haar wächst sich zu Laub aus, die Arme zu Ästen; der eben noch so flinke Fuß haftet an zähen Wurzeln, das Gesicht hat der Wipfel verschlungen: Allein der Glanz bleibt ihr. Auch so liebt Phoebus sie noch. Er legt die rechte Hand an den Stamm und fühlt noch, wie die Brust unter der frischen Rinde bebt, umschlingt mit den Armen die Äste, als wären es Glieder, küsst das Holz - doch das Holz weicht den Küssen aus.
Zu ihr sprach der Gott: „Da du nicht meine Gemahlin sein kannst, wirst du wenigstens mein Baum sein. Stets werden mein Haupthaar, mein Saitenspiel, mein Köcher dich tragen, Lorbeer! Du wirst den lateinischen Feldherrn nahe sein, wenn frohe Stimmen des Triumphlied singen und das Capitol den langen Festzug sieht. Du wirst auch als treue Wächterin der Türpfosten am Hause des Augustus vor dem Eingang stehen und den Eichenkranz, der in der Mitte hängt, beschützen. Und wie mein Haupt im ungeschorenen Haarschmuck stets jugendlich ist, so trag auch du fortwährend als ehrenschmuck dein Laub.“ Paian war zu Ende; der Lorbeer nickte mit den neuentstandenen Ästen und schien den Wipfel wie ein Haupt zu bewegen. 

Die Metamorphose des Narziss


Die Geschichte von Echo und Narziss nach Ovid


In Aoniens Städten hochberühmt, gab Tiresias dem Volk, das ihn aufsuchte, unfehlbare Orakelsprüche. Die erste Probe seiner Zuverlässigkeit und der Erfüllung seiner Weissagungen machte die wasserblaue Nymphe Liriope, die einst der Kephissos mit den Windungen seines Stromes umschloss; der so in seinen Wellen Gefangenen tat er Gewalt an. Aus ihrem schwangeren Schoß gebar die wunderschöne Nymphe ein Kind, das schon damals voller Liebreiz war; sie nennt es Narcissus. Befragt, ob diesem Knaben ein langes, reifes Alter beschieden sei, sprach der schicksalsverkündende Seher: „Wenn er sich nicht selbst kennenlernt.“ Lange schien das Wort des Wahrsagers bedeutungslos. Doch der tatsächliche Ausgang, die Todesart und die Neuheit seines Wahnsinns bringen die Bestätigung. Denn der Sohn des Kephissos war schon sechzehn Jahre alt geworden und konnte noch als Knabe und schon als junger Mann gelten. Viele Männer, viele Mädchen begehrten ihn. Aber solch ein hartherziger Hochmut wohnte in der zarten Gestalt! Kein Mann, kein Mädchen konnte ihn rühren. Ihn erblickt, während er aufgescheuchte Hirsche in die Netze jagt, die stimmbegabte Nymphe, die nie eine Antwort schuldig bleibt und nie als Erste sprechen kann, Echo, die Stimme des Wiederhalls. 

Echo war noch ein Wesen, kein leerer Schall; doch hatte die Schwätzerin schon damals keine andere Möglichkeit zu sprechen als jetzt. Sie konnte nämlich von vielen Worten nur die letzten wiederholen. Das hatte Iuno so angeordnet, weil Echo oft, wenn Iuno auf den Bergen Nymphen in ihres Iuppiters Armen hätte ertappen können, die Göttin wohlweislich mit langen Gesprächen hinhielt, damit die Nymphen unterdessen entwischen konnten. Nachdem Saturnia dies durchschaut hatte, sprach sie: „Über diese Zunge, die mich genarrt hat, sollst du von nun an nur wenig Macht haben und deine Stimme nur noch ganz kurz gebrauchen können.“ Ihre Drohung macht sie war. Immerhin kann Echo die Laute am Ende einer Rede wiederholen und Worte erwidern, die sie gehört hat. 
Kaum hat sie also Narcissus erblickt, der abseits vom Wege durchs Gelände streifte, entbrannte ihr Herz in Liebe. Sie folgt verstohlen seinen Spuren, und je länger sie ihm folgt, desto mehr lässt seine Nähe sie erglühen, nicht anders, als wenn der leicht entzündliche Schwefel, mit dem die Fackeln an der Spitze bestrichen sind, eine Flamme an sich reißt, die man in die Nähe bringt. Oh wie oft wollte sie sich ihm mit schmeichelnden Worten nähen und ihn durch Bitten erweichen! Ihr Wesen verbietet’s! Es erlaubt ihr nicht, den Anfang zu machen. Doch eines steht ihr frei: Sie ist bereit, Laute abzuwarten, auf die sie Antworten kann. Zufällig hatte der Knabe, vom treuen Gefolge entfernt, gerufen: „Ist jemand hier?“, und „hier“ hatte Echo erwidert. Erstaunt, lässt den Blick überallhin schweifen und ruft mit lauter Stimme: „Komm!“ Sie ruft ihn, wie er sie ruft. 

Er blickt zurück und spricht, da wieder niemand kommt: „Was fliest du vor mir?“ Und ebenso viele Worte, wie er gesprochen hatte, erhielt er zurück. Er beharrt; getäuscht durch den Widerhall der antwortenden Stimme, spricht er: „Lass uns hier zusammenkommen“, und keinen Laut gab es, auf den sie jemals lieber geantwortet hätte. „Zusammenkommen“, wiederholt Echo, vertraut auf ihre eigenen Worte, verlässt den Wald. Schon ging sie auf ihn zu, um den ersehnten Hals mit den Armen zu umschlingen - er aber flieht; und während er flüchtet, ruft er: „Hände Weg, lass die Umarmungen! Eher will ich sterben als dir gehören.“ Sie antwortet nichts als „dir gehören“. Die Verschmähte hält sich im Walde versteckt, verbirgt schamhaft das Gesicht im Laub und lebt von nun an in einsamen Höhlen. Doch die Liebe bleibt und wächst nur aus Schmerz über die Zurückweisung. Sorgen gönnen ihr keinen Schlaf und zehren den Leib jämmerlich aus; Magerkeit lässt die Haut schrumpfen, in die Luft entschwindet aller Saft des Körpers, nur Stimme und Gebein sind übrig. Die Stimme bleibt, das Gebein soll sich in Stein verwandelt haben. Seitdem ist sie in Wäldern verborgen und lässt sich auf keinem Berg blicken. Alle können sie hören. In ihr lebt nur der Klang.

So hatte Narcissus diese enttäuscht, so auch andere Wasser- und Bergnymphen, so vorher den Umgang mit Männern gemieden. Daher hatte einer von ihnen, der verschmäht worden war, die Hände zum Äther erhoben und gesagt: „So soll es auch ihm in der Liebe ergehen, so soll auch er, was er liebt, nicht bekommen.“ Sprach's, und Rhamnusia gewährte die gerechte Bitte. Es gab einen klaren Quell mit silberglänzendem Wasser, den keine Hirten berührt hatten, keine Ziegen, die auf Bergen weiden, und auch sonst kein Vieh. Kein Vogel, kein wildes Tier hatte ihn getrübt, nicht einmal ein Ast, der vom Baume gefallen wäre. Ringsum wuchs Gras, dem das nahe Gewässer Nahrung gab, und Gehölz, das keinem Sonnenstrahl erlaubte, den Platz zu erwärmen. Hier ließ sich der Knabe nieder, vom eifrigen Jagen und von der Hitze erschöpft; denn die Anmut des Ortes und die Quelle zogen ihn an.
Und während er den Durst zu stillen trachtete, wuchs in ihm ein anderer Durst. Während er trinkt, erblickt er das Spiegelbild seiner Schönheit, wird von ihr hingerissen, liebt eine körperlose Hoffnung, hält das für einen Körper, was nur Welle ist.  

Er bestaunt sich selbst und verharrt unbeweglich mit unveränderter Mine wie ein Standbild aus parischem Marmor. Am Boden liegend, betrachtet er seine Augen - sie gleichen einem Sternenpaar -, das Haar, das eines Bacchus oder eines Apollo würdig wäre, die bartlosen Wangen, den Hals wie aus Elfenbein, die Anmut des Gesichts, die Mischung von schneeweiß und rot - und alles bewundert er, was ihn selbst bewundernswert macht. Nichts ahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt. Wie oft gab er dem trügerischen Quell vergebliche Küsse! Wie oft tauchte er, um den Hals, den er sah, zu erhaschen, die Arme mitten ins Wasser und konnte sich nicht darin ergreifen! Er weiß nicht, was er sieht; doch was er sieht, setzt ihn in Flammen. Und seine Augen reizt dasselbe Trugbild, dass sie täuscht. Leichtgläubiger! 

Was greifst du vergeblich nach dem flüchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild. Es hat kein eigenes Wesen: Mit dir kam es, mit dir bleibt es, mit dir wird es fortgehen - wenn du nur fortgehen könntest! Kein Gedanke an Nahrung, kein Gedanke an Schlaf kann ihn von dort losreißen. Doch im schattigen Grase gelagert, schaut er mit unersättlichem Blick die trügerische Schönheit an und geht an seinen eigenen Augen zugrunde. 

Dann erhebt er sich etwas, streckt die Arme zu den Wäldern aus, die rings um stehen, und spricht: „Oh ihr Wälder! Hat je einer grausamere Liebesqual gelitten? Wisst ihr doch Bescheid und habt ihr doch vielen als willkommener Schlupfwinkel gedient! Könnt ihr euch in eurem langen, so viel hundert Jahre alten Leben an jemanden erinnern, der so hingeschmolzen wäre? Er gefällt mir, und ich sehe ihn; doch was ich sehe und was mir gefällt, kann ich nicht finden; so gewaltig ist der Trug, der den Liebenden gefangen hält! Und, was meinen Schmerz noch vertieft: kein weites Meer, kein Weg, keine Berge, keine Mauern mit verschlossenen Toren, nur ein wenig Wasser hält uns voneinander fern! Er selbst will umarmt werden! Denn sooft ich dem klaren Wasser einen Kuss geben will, strebt er mir, auf dem Rücken liegend, mit dem Munde entgegen. Man möchte meinen, er lasse sich berühren. Fast ein Nichts ist es, was den Liebenden im Wege steht. Wer du auch sein magst, komm zu mir heraus; was täuschest du mich, einzig schöner Knabe, und wohin gehst du, Ersehnter? Gewiss bieten meine Erscheinung und mein Alter keinen Anlass, davor zu fliehen, und sogar Nymphen waren in mich verliebt. Du versprichst mir mit freundlichem Gesicht etwas Hoffnungsvolles; strecke ich die Arme nach dir aus, streckst auch du sie mir freiwillig entgegen. Lächle ich, lächelst du mir zu; auch Tränen habe ich oft bei dir beobachtet, während ich weinte. Durch Nicken erwiderst du meine Zeichen, und soweit ich aus der Bewegung deines schönen Mundes schließen kann, antwortest du mir auch mit Worten, die nicht an mein Ohr dringen. 

 - Ich bin es selbst! Ich habe es begriffen, und mein Bild täuscht mich nicht mehr. Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide. Was tun? Bitten oder mich bitten lassen? Worum soll ich denn bitten? Was ich begehre, ist bei mir. Der Reichtum hat mich arm gemacht. Könnte ich mich doch von meinem Körper lösen! Ein neuartiger Wunsch bei einem Liebenden: ich wollte, der Gegenstand meiner Liebe wäre nicht bei mir! Schon nimmt mir der Schmerz die Kräfte, mir bleibt keine lange Frist mehr, und ich erlösche im Lenz meines Lebens. Doch der Tod ist mir keine Last; denn der Tod wird mir die Schmerzen nehmen. Nur wünschte ich, der Geliebte lebte länger! Jetzt werden wir zu zweit als ein Herz und eine Seele sterben.“ Sprach's und kehrte in rasender Leidenschaft zu demselben Spiegelbild zurück, trübte das Wasser mit Tränen, und durch die Bewegung im See wurden die Umrisse unscharf. 
Als er sah, dass das Bild verschwand, schrie er: „Wohin fließt du? Bleib und lass mich, du Grausamer, in meiner Liebe nicht allein! Lass mich, was ich schon nicht berühren darf, wenigstens anschauen und so dem unglücklichen Wahn Nahrung geben!“ Und trauernd zerriss er das Gewand vom oberen Saum her und schlug sich mit den marmorweißen Händen an die nackte Brust. Von den Schlägen wurde die Brust rosig, wie Äpfel, die teils weiß, teils rot sind, oder wie eine noch unreife Traube, deren Beeren die Farbe wechseln und sich allmählich purpurn färben. 

Sobald er dies alles in dem wieder klar gewordenen Wasser erblickt hatte, ertrug er ist nicht länger. Wie gelbes Wachs an einem schwachen Feuer und wie der morgendliche Raureif an der warmen Sonne schmilzt, so schwindet er dahin, von Liebe ausgezehrt, und langsam nagt an ihm ein verborgenes Feuer. Schon hat er nicht mehr die Farbe, die aus weiß und rot gemischt ist, keinen Schwung, keine Kraft, nichts mehr von dem, was eben noch das Auge erfreute; auch der Leib besteht nicht mehr, den Echo einst geliebt hatte. Echo wurde bei diesem Anblick von Schmerz ergriffen, obwohl sie ihm grollte und nichts vergessen hatte. Sooft der bejammernswerte Knabe „Wehe!“ rief, wiederholte sie mit nachhallender Stimme: „Wehe!“ Hatte er sich mit den Händen an Schultern und Arme geschlagen ließ Echo das Klatschen widerhallen. Während er ins vertraute Wasser blickt, waren seine letzten Worte: „Ach, vergeblich geliebter Knabe!“ Ebenso viele Worte hallten von dem Walde wieder. Und auf sein „Lebe wohl!“ gab Echo ein „Lebe wohl! “ zurück. 

Er bettete sein müdes Haupt aufs grüne Gras. Und der Tod schloss die Augen, welche die Schönheit ihres Eigentümers bewunderten. Auch nachdem er in die Unterwelt aufgenommen war, betrachtete er sich im Wasser des Styx. Es klagten  um ihn seine Schwestern, die Naiaden, schnitten sich Haarlocken ab und weiten sie ihrem Bruder; es klagten auch die Dryaden. In die Totenklage stimmt Echo ein. Schon bereiteten sie den Scheiterhaufen vor, Fackeln, um sie zu schwingen, und die Totenbahre: da war der Leib nirgends mehr. An seiner Stelle finden sie eine Blume, in der Mitte safrangelb und umsäumt mit weißen Blütenblättern

Die Metamorphose der Koralle

Die Geschichte von Andromeda und Perseus nach Ovid

Verschlossen hatte Hippotes‘ Sohn die Winde im ewigen Kerker, und der Morgenstern, der zum Tagewerk mahnt, war hoch am Himmel herrlich leuchtend aufgegangen. Da greift Perseus wieder zu den Federn, bindet sie rechts und links an die Füße, schnallt sein gebogenes Schwert um und eilt auf hurtigen Flügelsohlen durch die klare Luft dahin. Nachdem er zahllose Völker, die rings um in der Tiefe wohnen, hinter sich gelassen hat, erblickt er die aethiopischen Stämme und das Gebiet des Cepheus. Dort hatte der ungerechte Ammon Andromeda unverdient für die Reden ihrer Mutter büßen lassen. Sobald der Urenkel des Abas ihre Arme an die harten Felsen gefesselt sah - hätte nicht ein leichtes Lüftchen ihr Haar bewegt und ihr Auge heiße Tränen vergossen, hätte er sie für ein Marmorbild gehalten -, ergreift ihn unbemerkt die Liebesglut. Er staunt. Hingerissen vom Anblick der schönen Gestalt, hätte er beinahe vergessen, in der Luft mit den Flügeln zu schlagen.  

Kaum stand er auf festem Boden, sprach er: „Du verdienst nicht diese Ketten, sondern diejenigen, mit denen sich sehnsüchtige Liebende verbinden. Verrate mir auf meine Frage den Namen deines Landes und den deinen und warum du gefesselt bist.“ Zuerst schweigt sie und wagt als Jungfrauen nicht, mit einem Mann zu sprechen. Die Hände hätte sie sich schamhaft vors Gesicht gehalten, wäre sie nicht gefesselt gewesen; doch die Augen ließ sie von hervorstürzenden Tränen überfließen - denn das war ihr noch möglich. Da er immer inständiger in sie trinkt, will sie nicht den Eindruck erwecken, sie habe ein eigenes Vergehen zu verbergen, nennt ihm den Namen ihres Landes und den ihren und berichtet, wie stolz ihre Mutter auf ihre Schönheit war. Doch noch ehe alles erzählt war, rauschte das Wasser auf. Vom unermesslichen Meer kommt ein bedrohliches Untier und nimmt mit seiner Brust die weite Meeresfläche ein. Das Mädchen schreit auf, der trauernde Vater und die Mutter stehen dabei, beide unglücklich, doch sie hat es mehr verdient; keine Hilfe bringen sie mit, nur Tränen und Klagerufe, wie sie dem Augenblick entsprechen, und klammern sich an die Gefesselte. 

Da spricht der Fremde: „Zum Weinen werdet ihr noch lange Zeit haben; doch kurz ist die Frist um Hilfe zu bringen. Würde ich um sie, ich, Perseus, der Sohn Iuppiters und der Danae, die er in ihrem Verlies mit fruchtbarem Gold schwängerte, Perseus, der Überwinder der schlangenhaarigen Gorgo, der auf flatternden Flügeln durch die ätherischen Lüfte zu wandern wagte - würbe ich um sie, so würde ich gewiss allen anderen als Schwiegersohn vorgezogen werden. Ich versuche so vielen Gaben auch noch ein Verdienst hinzuzufügen, sofern mir nur die Götter hold sind. Dafür bedinge ich mir aus, dass sie, wenn meine Tapferkeit sie rettet, die Meine werde.“ Sie nehmen die Bedingungen an - Wer hätte da gezögert? -, ja, sie flehen ihn an und versprechen ihm obendrein das Königreich als Mitgift. 

Und siehe, wie ein schnelles Schiff mit dem Schnabel am Bug das Wasser durchfurcht, von den Armen in Schweiß gebadeter Männer vorangetrieben, so zerteilt das Untier die Wogen durch den Aufprall seiner Brust. Schon war es von den Felsen nur noch so weit entfernt, wie eine balearische Schleuder ihr Blei durch den Himmel schießen kann, als sich plötzlich der Jüngling mit den Füßen vom Boden abstieß und hoch zu den Wolken emporstieg. Kaum ist auf dem Spiegel des Meeres der Schatten des Mannes sichtbar geworden, stürzt das wilde Tier sich wütend auf den Schatten; und wie wenn Iuppiters Adler eine Schlange, die ihren blauen Rücken sonnt, auf freiem Felde gesehen hat, sie von hinten überrumpelt und, damit sie ihr mörderisches Maul nicht rückwärts wende, die gierigen Krallen in den schuppigen Nacken schlägt, so warf sich Perseus kopfüber in schnellen Flug durchs Leere, landete auf dem Rücken des Tieres und stieß dem Schnaubenden das Schwert bis zum gekrümmten Haken in den rechten Bug. Schwer verwundet erhebt es sich bald in die Luft, bald verbirgt es sich unter Wasser, bald dreht es sich wie ein wilder Eber, den einen bellende Hundemeute umringt und in Schrecken versetzt. 

Perseus aber entflieht den gierigen Bissen und schnellen Flügeln und verwundet das Ungeheuer mit dem Sichelschwert, wo ist sich eine Blöße gibt, bald am Rücken, der mit hohlen Muscheln bewachsen ist, bald seitlich zwischen den Rippen, bald dort, wo der sich verjüngende Schwanz in einer Fischflosse endet. Das ungeheuer speit Meerwasser, vermischt mit purpurnem Blut. Von dem Sprühregen wurde das Gefieder nass und schwer. Perseus wagt es nicht länger, sich den durchnässten Flügelschuhen anzuvertrauen. Da erspähte er eine Klippe, deren Spitze bei Meeresstille hervorragt, bei bewegter See bedeckt ist. Darauf gestützt und mit der Linken den obersten Grad umklammernd, stieß er drei-, viermal zuschlagend dem Tier den Stahl in die Weichen. 

Beifallklatschen und Jubel erfüllt den Strand und drangen bis hinauf in die Hallen der Götter. Cassiope und der Vater Cepheus freuen sich, begrüßen ihn als Schwiegersohn und bekennen, er sei der Helfer und Retter ihres Hauses. Von den Ketten befreit, schreitet die Jungfrau einher. Sie ist der Lohn und die Ursache der Mühen. Er selbst schöpft Wasser und wäscht sich die siegreichen Hände. Um das schlangenhaarige Haupt nicht durch den harten Sand zu beschädigen, polstert er den Boden mit Blättern, macht aus Wasserpflanzen eine Streu und legt darauf das Haupt der Phorcystochter, der Meduse. Die frischen Seepflanzen, deren saugkräftiges Mark noch lebte, rissen die Kraft des Wunderwesens an sich, wurden durch seine Berührung hart und erfuhren an Stängeln und Blättern eine neuartige Versteinerung. Die Meernymphen aber erproben die wunderbare Erscheinung an weiteren Zweigen, freuen sich darüber, das ihnen dasselbe gelingt, und werfen immer wieder Samen davon auf die Wellen. Auch heute noch haben die Korallen dieselbe Eigenschaft, bei der Berührung mit Luft zu erstarren, so dass, was im Meer eine Pflanze war, über dem Wasserspiegel zu Stein wird. 

Schau dir an, wie die drei Geschichten inszeniert wurden!